Exklusive Recherche: Der Einzelhandel in Freiburg leidet unter den wöchentlichen Demonstrationen am Samstag

Recherche von Marcel Hiller | HILLER MEDIA – veröffentlicht am Donnerstag, den 20. Januar 2022 um 22:00 Uhr

Der Blick in die Konviktstraße in der Freiburger Innenstadt.
Während die Demonstrationen auf dem Friedrichsring und am Stadttheater stattfinden, herrscht in der Altstadt gähnende Leere.
Quelle: Pixabay.com / Paul_Henri

Lockdown, 2G, Kontaktpersonennachverfolgung – der Einzelhandel in Freiburg hat es in der Pandemie nicht einfach. Doch zu den aktuell geltenden Beschränkungen kommen noch weitere Faktoren hinzu: Personalmangel und Demonstrationen. Meist fallen letztere auf den im Einzelhandel stärksten Tag der Woche: den Samstag. Die Unternehmer spüren die Auswirkungen der Versammlungen. Inzwischen wurde eine neue Route für die Demos festgelegt.

Seit Wochen folgen Corona-Maßnahmen- und Impfpflicht-Gegner* (Korr.) den Aufrufen der Organisation FreiSein Freiburg in die Freiburger Innenstadt, um gegen die Pandemie-Maßnahmen zu demonstrieren. Seit Mitte Januar kommen noch Gegenkundgebungen des Bündnisses FreiVAC hinzu, die gegen Verschwörungsideologie, Antisemitismus und Corona-Verharmlosung protestieren.

Maßnahmen für den Verkehr

Die Einzelhändler sind darauf angewiesen, dass man die Läden gut und sicher erreichen kann. Deshalb zuerst die Schilderung der Verkehrsmaßnahmen.

Die Badische Zeitung berichtet am 14. Januar 2022, dass die Demo der Maßnahmen-Gegner mit rund 6.000 Teilnehmern folgende Route nimmt: Die Demonstration startet am Fahnenbergplatz und in der Friedrichstraße und nimmt über den Friedrichring und den Europaplatz seinen Lauf. Dann geht es einmal um die komplette Altstadt herum: Leopoldring, Schlossbergring, Greiffeneggring, Dreisamstraße, Schreiberstraße. B31, Schnewlinstraße und Bismarckallee zurück zum Fahnenbergplatz. Der Weg dieser Aktion sorgt für erhebliche Straßensperrungen um die gesamte Innenstadt herum – und darüber hinaus: Der Tunnel der B31 von Kirchzarten stadteinwärts kommend musste über den Mittag gesperrt werden. An der Strecke liegen auch fast alle wichtigen Parkhäuser, welche Käufer und Touristen für die Innenstadt nutzen. Die Parkhäuser Schwabentor und Schlossberg, der Karlsbau, die Schwarzwald City und die Garage Unterlinden.

Die Gegendemonstration von FreiVAC mit rund 2.500 Teilnehmern fand zum großen Teil auf dem Platz der alten Synagoge statt. Die BZ schreibt am 15. Januar 2022, dass gegen Ende der Kundgebung am Stadttheater eine losgelöste Gruppe namens “Querbremsen” mit rund 1.000 Teilnehmern einen Protestzug über den Bertoldsbrunnen und die Kaiser-Joseph-Straße in beide Richtungen, sowohl zum Europaplatz, als auch zum Holzmarkt, lief. Hier waren die wichtigen Parkhäuser Martinstor und Rotteck betroffen.

Im Umkehrschluss bedeuten die verschiedenen Wegstrecken, dass innerhalb der Altstadt nur die Salzstraße im oberen Teil zwischen Bertoldsbrunnen und Schwabentor, Teile der Gerberau und die kleinen Gassen von den Versammlungen verschont blieben. Somit waren die meisten und die größten regionalen Unternehmer in der Freiburger Innenstadt von den Aktionen betroffen. Unter anderem schloss der Münstermarkt vergangenen Samstag bereits um 13:30 Uhr, um dem Verkehrschaos zu umgehen.

Hinzu kommt, dass auch die Straßenbahnen der Freiburger Verkehrs-AG (VAG) mit Behinderungen zu kämpfen hatten. Das betraf die Bereiche Europaplatz, Schwabentor, Holzmarkt und Stadttheater, dessen anfahrenden Linien durch die Demonstrationen unterbrochen wurden. Bei diesem System spricht die VAG Freiburg von der “Rosenmontagslösung”. Kurse mussten vor den gesperrten Straßen wenden oder fuhren mit großer Verspätung. Das ist eine schwere Situation für die Personen, die über die ÖPNV-Anbindung in der Stadt einkaufen wollten. 

Was die Einzelhändler sagen

Alarmierende Signale kommen aus dem Musikfachgeschäft “musicus” in der Salzstraße nahe der Straßenbahnhaltestelle Oberlinden. Filialleiter Andreas Robens beschreibt die Situation zur Zeit der Demonstration, dass er sich vorkam “als wäre man am Sonntag unterwegs”.  Bis etwa 11:30 Uhr sei in der Stadt noch einiges los gewesen, ab 12:00 Uhr herrschte gähnende Leere. “Bei den Kunden, die am Samstag bis 16 Uhr noch da waren, war es teurer das Licht anzuhaben und die Computer laufen zu lassen.” Er schildert, dass die letzten beiden Samstage die schlechtesten Verkaufstage innerhalb der letzten acht Jahre waren. Robens beklagt, dass es so für sein Unternehmen schwer sei, einen Beitrag für eine lebenswerte Innenstadt zu leisten und gegen den Internethandel anzukommen. “Fair ist anders!”

Ähnlich schildert die Lage auch Stefan Meier-M. von “Einrichtungskultur” in der Humboldtstraße beim Martinstor: “Vormittags bis gegen 12:30 Uhr sind Menschen aus der Region in Freiburg unterwegs. Mit zunehmendem Polizeiaufgebot vor Demobeginn verlassen dann die Besucher die Innenstadt bzw. sparen die Zeiten der Demo aus.” Als Gründe werden Sicherheit, Überdrüssigkeit und der eingeschränkte Verkehr genannt. Nach den Aktionen würde er merken, dass wieder ein paar Kunden kommen, aber nicht so viele, wie am Vormittag. Aufgrund der Corona-Verordnungen und der Dämmerung hätten viele Kunden zu später Stunde keine Freude mehr am Shoppen.

Der Geschäftsführer des “Boardshop Freiburg”, Florian Bechert, macht sich große Sorgen: “Wir haben am Samstag Umsatzeinbrüche von bis zu 30%.” Er sieht sich inmitten der Salzstraße direkt betroffen von den “Anti-Impf-Demonstrationen”. Er schreibt, dass vor den aufkommenden Aktionen in der Altstadt samstags der stärkste Verkaufstag gewesen sei. Der Verlust sei auch unter der Woche nicht mehr aufzuholen. “Wir sehen eine massive Schädigung des ohnehin massiv gebeutelten Innenstadteinzelhandels.” Auch Jochen Bohny, der Inhaber von “Sport Bohny,” sieht das so. “Es ist eine absolute Katastrophe für die Innenstadt.” 

UPDATE 21.01. 11:00 Uhr: Jana Kudzinski berichtet aus der Lage von “MuLan – fine asian arts & furniture”: “Ich kann mich nicht erinnern in den letzten 15 Jahren an einem Samstag so einen schlechten Umsatz gehabt zu haben. (…) Es ist zu erwarten, dass viele Kunden aus dem Umland auch in Zukunft den schlechten Zugang zur Innenstadt speziell an Samstagen in Erinnerung behalten werden.” Sie berichtet, dass die Kunden durch die Demonstrationen eingeschüchtert seien: “Sie haben das Gefühl, mit Impfung und Booster alles getan zu haben, um wieder mehr Normalität in ihren Alltag zu bekommen, z.B. ihren gewohnten Samstagsstadtbummel zu machen und dann dort in einen Sog geraten, der für sie teilweise nicht verständlich ist. Gerade ältere Menschen haben Angst vor der Aggressivität, die am Rande der Demos zu spüren ist und sagen, sie kommen nicht mehr in die Innenstadt.”

Unter den Einzelhändlern ist die Hoffnung auf ein Ende der Demonstrationen am Samstag und der Pandemie an sich groß: “Hoffentlich wird alles irgendwann, oder zumindest auf absehbare Zeit, mal ein Ende haben”, schreibt Andreas Robens. Stefan Meier-M. hat einen Vorschlag an die Aktivisten: “Sonntags könnten die Demos fast ungehindert stattfinden”, schreibt er mit einem zwinkernden Auge. Zum Zeitpunkt der Anfrage bei den Händlern war noch nicht bekannt, dass die Protestzüge ab dem kommenden Samstag über eine neue Route laufen wird uns auch die Gegenkundgebung den Ort wechselt.

Neue Wege für die Demonstrationen

Kurz nach der Erstellung dieses Berichts wurde bekannt, dass die Demos neue Laufwege und Standorte bekommen.

Die Webseite von baden.fm berichtet am 20. Januar 2022, dass den Organisatoren neue Routen vorgeschlagen wurden. Die Corona-Maßnahmen-Demonstration soll nach dem Start am Fahnenbergplatz ab dem Europaplatz in Richtung Norden über die Habsburgerstraße weiterlaufen. Anschließend wird sie in die Komturstraße einbiegen, um über die Friedhofsstraße und der Heiliggeiststraße an der Uniklinik vorbei zu laufen. Dort sind die Gegenkundgebungen der Corona-Maßnahmenbefürworter von FreiVAC zu erwarten. Die FreiSein Freiburg Aktion soll über die Breisacher Straße und der Bahnunterführung wieder zum Fahnenbergplatz zurückkehren.

Der neue Weg der Maßnahmengegner-Demo tangiert die Altstadt nur noch und umschließt sie nicht vollständig. Deshalb muss auch die B31 nicht gesperrt werden. Dennoch müssen Straßen um den Hauptbahnhof, den Fahnenbergplatz, den Friedrichring und den Europaplatz gesperrt werden, was wiederum zu Einschränkungen im Innenstadtbereich führen kann. Personen, die aus der nördlichen Umgebung von Freiburg in die Innenstadt möchten, müssen große Umwege über die Granadaallee und die B31 fahren. Auch die Straßenbahn wird wahrscheinlich betroffen sein, denn der Protestzug folgt großen Teilen mehrerer Linienverläufe. Zwischen Fahnenbergplatz und Europaplatz wäre dies die Linie 5, anschließend die Linie 4 bis nach der Okenstraße. Dann dürften, besonders wegen dem Aufeinandertreffen der verschiedenen Demonstrationen am Friedrich-Ebert-Platz der nördliche Linienast der Linie 2 beeinträchtigt sein. Es werden also drei von fünf Straßenbahnlinien beeinträchtigt sein.

Auf der neuen Strecke werden neue rund 80 Einzelhändler, Gastronomen und Unternehmer von den Maßnahmen der Demo getroffen, während die Händler in der Altstadt vermutlich aufatmen können. Neu ist auch, dass die Demonstration der Maßnahmengegnern an zwei Krankenhäusern, dem St. Josefskrankenhaus und der Uniklinik Freiburg, vorbeiziehen.

Fazit & Meinung

Die Versammlungen der Corona-Proteste im Innenstadtbereich von Freiburg beeinträchtigen die Unternehmer und Einzelhändler in Freiburg finanziell sehr stark. Es sind klare Umsatz- und Kundenrückgänge zu verzeichnen. Der Samstag ist normalerweise der stärkste Verkaufstag der Woche. Dies wird durch die Straßensperrungen im Zusammenhang mit den Aktionen in und um den Altstadtbereich herum erheblich beeinträchtigt. Die Einzelhändler wünschen sich, dass die Demonstrationen nicht samstags stattfinden, sondern auf den Sonntag ausweichen.

Das Versammlungsrecht ist ein Grundrecht. Das muss aber nicht auf Kosten des Einzelhandels in der Freiburger Innenstadt ausgelebt werden. Es ist interessant und wir werden es beobachten, wie sich die Auswirkungen auf die Shops in der Innenstadt durch die neuen Demonstrationsrouten verändern und wie die rund 80 neu betroffenen Geschäfte reagieren. Es ist wichtig Existenzen zu schützen und die Freiburger Innenstadt als lebenswerten und kaufkräftigen Raum zu erhalten.

Informationen zur Recherche

Im Zeitraum vom 17. Januar bis 19. Januar 2022, und damit im direkten zeitlichen Zusammenhang der Demos, schrieb HILLER MEDIA per Mail einen großen Teil der Unternehmen in der Freiburger Innenstadt an, von kleinen regionalen Shops ohne Online-Angebot bis hin zu überregional und national bekannten Marken. Während einige Kaufleute nicht antworten oder absagen, melden sich einige Einzelhändler mit ausführlichen Statements zurück. In der Anfrage mit der Bitte um ein Statement wurde keine konkrete Demonstrationsart genannt, um die journalistische Neutralität zu wahren. Ziel dieser Recherche ist die Aufklärung über die Auswirkungen der Demonstrationen in der Innenstadt auf die Umsätze im Einzelhandel. Der Bericht kann bei Neuigkeiten aus dem Einzelhandel ergänzt werden.

Korrektur-Hinweise

20.01. 23:10 Uhr: Im zweiten Absatz wurde “Impfgegner” zu “Impfpflicht-Gegner” geändert, da die Wortwahl einer bestimmten Personengruppe nicht angenehm war. Es ist bekannt, dass bei entsprechenden Demonstrationen auch einige geimpfte Personen mitlaufen, die aber gegen eine Impfpflicht sind. Bekannt ist aber auch, dass Personen mitlaufen, welche die Impfung komplett ablehnen.

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